Angepinnt Allgemeiner Diskussionsthread & Lounge

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    • Allgemeiner Diskussionsthread & Lounge

      Dieser Thread soll für alles sein was gerade ansteht oder Aktuell ist, einfach zur Entlastung der jeweiligen Themen-Threads. Ich denke das ist gut und hier kann immer mal wieder gezielt nachgeschaut werden wenn etwas angeregt werden möchte. :)
      Beitrag von Rüdiger und Thread von Reinhold wurde editiert
      Thorsten


      Hallo,

      wenn man sich über das als Beispiel für die Sedelhöfe angeführte Einkaufzentrum Entre Deux in Maastricht informiert, sieht man schnell, dass es sich hier um ein abwechslungsreich gestaltetes Zentrum handelt, bei dem mit unterschiedlichen Fassenmaterialien und Farben gearbeitet wurde und das teilweise in klassischem Baustiel ausgeführt wurde. Eben keine Materialschlacht in Glas und Beton, wie das in Ulm zu erwarten ist. Auch in Frankfurt wird die Altstadt nach Bürgerprotesten gegen einen neuen Betonbunker in historischem Stil aufgebaut. Wann verstehen die Verantwortlichen endlich, dass sich in so einer Betonwüste mit sterilen Fassaden niemand wohlfühlt! Noch ist es nicht zu spät: Pläne auf Eis legen und neu planen - siehe Frankfurt! Dann kann man sich vielleicht auch sparen die Betonwüste, die in 20 Jahren alle genauso hässlich finden wie heute die Siebzigerjahrebauten, wieder abzureißen.

      Rüdiger
    • Hallo Rüdiger,

      ich kann Dir da voll und ganz zustimmen. Leider ist Ulm aber ziemlich provinziell in mancherlei Hinsicht, und die Provinz lechzt nach Weltläufigkeit, die sie in modernistischer Klötzchenarchitektur zu finden hofft. Ich dagegen warte auf den Tag, da die Verantwortlichen - Bürger, Politiker, Geschäftsleute - erkennen, welche Stärke in lokalen Bautraditionen liegt, und wieviel man durch historische Rekonstruktion des Stadtbildes langfristig gewinnen könnte.

      Ein Unterschied zu Frankfurt ist eben auch, dass in Ulm die Altstadt nicht vollständig, sondern "nur" zu etwas über 80% vernichtet wurde. Das heißt, es gibt noch einige schöne Straßenzüge mit Fachwerkhäusern. In Frankfurt musste man ja mit der Rekonstruktion der Römerberg-Ostzeile bei Null beginnen, und selbst die paar Rekonstruktionen, die nun auf dem Dom-Römer-Areal entstehen, sind unbedeutend gegenüber dem Meer an banaler, hässlicher Wiederaufbauarchitektur in dieser Stadt.

      Trotzdem ist auch das Ulmer Stadtbild nachhaltig geschädigt durch Krieg und Wiederaufbau; als "schön" kann man das Ganze sicher nicht bezeichnen. Wenn man sich vor Augen führt, wie prächtig das Bahnhofsviertel und die Olgastraße in Ulm vor dem Krieg waren, und welcher Müll jetzt dort herumsteht - und vor allem, welche Klötzchenarchitektur nun wieder geplant ist, kann man nur auf eine Kehrtwende hoffen. Mit dem gegenwärtigen Baubürgermeister, einem überzeugten Modernisten, ist da aber wohl nicht viel zu machen.
    • Zum Neuen Jahr mal noch eine Frage, kann nichts in den Infos und der Presse zu den Sedelhöfen finden. Wird der Zugang zur Unterführung bei M Donald gesperrt, oder überdacht während des Abbruchs des Gebäudes. Dieses soll ja jetzt bald beginnen. Es wäre ja möglich diesen bis zu den Tiefbauarbeiten (Grubenverbau- Aushub ) zu sichern, diese sind ja erst im Sommer angesagt. Eine schöne Ubergangslösung aus einer Stahlkonstuktion und der Zugang zum Bahnhof und den Bussen ist noch für ein halbes Jahr möglich. Wer hat Ahnung, oder darüber etwas gelesen. ?(
      Sedelhöfe Galerie, klick, Orginalgröße,
      "Die beste Methode das Leben angenehm zu verbringen, ist, guten Kaffee zu trinken." ( Jonathan Swift )
    • reinhold schrieb:

      Sehr schön gesagt Finn, ich mag Ihn auch nicht. ;) Diesen Beton BBM, oder Farblosen Grau in Grau Liebhaber. :!:

      100% Zustimmung. Unser Ulmer Betonfetischist #1 ist ein hoffnungsloser Fall.

      Wieso fallen eigentlich allen Verantwortlichen beim Begriff 'moderne Bebauung' nur Glas und Beton ein?
      Dabei gibt es doch auch andere Möglichkeiten wie der geniale Franzose Patrick Blanc mit seinen vertikalen Gärten als Fassadengestaltung HIER zeigt!
    • reinhold schrieb:

      Sehr schön gesagt Finn, ich mag Ihn auch nicht. ;) Diesen Beton BBM, oder Farblosen Grau in Grau Liebhaber. :!:

      Das war Nebenstelle, nicht ich ;).

      Bei den beiden Beiträgen würde ich mich eher Rüdiger als Nebenstelle anschließen. Ich tue mich nämlich mit historischen Rekonstruktionen - mehr oder weniger also Historismus -, mit Begriffen wie "lokale Bautradition", und mit der Gegenüberstellung von alt und neu als gut und schlecht ein bisschen schwer.

      Klar, es ist ein Jammer, was in Ulm so alles an historischer Bausubstanz unwiederbringlich verloren gegangen ist. Es gibt mir immer einen kleinen Stich ins Herz, wenn ich zum Beispiel durch Schweizer Städte gehe und mir anschaue, wie es auch bei uns anfühlen könnte... und wenn ich in alten Stadtansichten schmökere, will ich an dem Tag manchmal gar nicht mehr in die heutige Stadt.

      Und doch, Rekonstruktionen, erst recht nach mehreren Jahrzehnten, finde ich gewissermaßen unehrlich. Auch der Krieg und die Nachkriegszeit bis hin zu unserer Gegenwart gehören zur Ulmer Stadtgeschichte dazu; diese Zeiten haben natürlich ebenso ein Anrecht auf einen Platz im Stadtbild wie alle anderen.

      Ich würde statt nach historisch und modernistisch zu unterscheiden lieber einfach die allgemeine architektonische Qualität als Maßstab gelten lassen. Wir sollten nicht alt oder modern bauen, sondern gut. "Gut" kann je nach Lage und Umgebung ganz Unterschiedliches bedeuten. In Straßenzügen mit historischer Substanz - zum Glück ja gar nicht so wenige - soll und muss man zum Beispiel mit Bedacht und Augenmaß vorgehen - vorsichtige Sanierungen und Aufstockungen, zurückhaltende und angepasste Architektur, die die Formsprache der Umgebung aufnimmt. Für meine Begriffe schließt das nicht aus, auch mal gezielt Kontraste und Reizpunkte zu schaffen - Rathaus und Bibiliothek, Schwörhaus und Synagoge, Münster und Stadthaus. Aber das funktioniert halt nur, wenn die architektonische Qualität stimmt.

      Andere Viertel sehe ich dagegen als tabula rasa, darunter eben auch die Gegend um die Sedelhofgasse. Brutal formuliert: da ist nichts mehr zu retten, schon lange nicht mehr. Und wenn man irgendwo wirklich komplett freie Hand hat, dann ist es völlig okay - und vielleicht schon eine Pflicht -, zeitgemäß zu bauen. Wenn halt die Qualität stimmt. "Modern" muss ja echt nicht, wie Rüdiger und panpikus meinten, gleich eine banale Materialschlacht mit Glas und Beton und weiter nicht viel bedeuten. Da gibt es so viel, was einem gute zeitgenössische Architekten zu bieten haben; panpikus hat's angedeutet...
    • Auch, wenn ich im Zweifelsfall unter fast allen Umständen immer für eine hitorische oder dem historischem Vorbild nach modern interpretierte Gestaltung von Stadträumen bin, bin ich im Falle der Sedelhöfe auch absolut einverstanden mit Finn's Einwänden. Ich denke, westlich des Münsterplatzes ist - im Gegensatz zu anderen Arealen, wie z.B. dem Münsterplatz selbst - der Zug für ein Ulm-typisches Stadtbild abgefahren.

      Ich würde mir zur Abwechslung eine zeitgenössische UND nachhaltige, sowie hochwertige Architektur in den Sedelhöfen wünschen. Hochwertigkeit zeichnet sich aber nicht nur durch hohe Material- und Baukosten, die sich dann in den Mietpreisen niederschlagen aus, sondern auch durch Individualität und der Fähigkeit den Bürgern einen Wohlfühleffekt zu vermitteln.
      Das "Problem" liegt hier wohl vor allem in der Individualität. Daran sind aber eigentlich weder der BBM, noch die Investoren wirklich schuld, da sie nur den gegenwärtigen Dogmen für den Nutzen eines Gebäudes gehorchen.

      Früher wurden eben Kaufhäuser und Wohngebäude von den Eigentümern und meistens auch Nutzern selbst gebaut, mit dem Willen über viele Jahrzehnte bestand zu haben. In einer ansprechenden Architektur wollte man sich zu einem gewissen Teil selbst verwirklichen und für sich selbst werben. So wurde die Existenz des Erbauers - wie man an Altbauten oft noch sehen kann - oft buchstäblich in Stein gemeißelt.
      Heute besteht gar kein Interesse mehr daran, durch die Architektur auszudrücken, welchen Stellenwert das dazugehörige Geschäft oder der Inhaber hat. Viele neue Gebäude sind als Wegwerfartikeln aus einer Massenprodurtion gedacht, von denen eigentlich niemand so richtig weiß, wer dahinter steht und von wem sie in ein paar Jahren genutzt werden. Die großen Ketten spielen ja alle Reise nach Jerusalem und wechseln viel zu oft ihren Standort. Wer soll sich da im eigenen Interesse noch Mühe bei der Gestaltung geben?

      Klar, ich will auch nicht auf H&M und Hugendubel verzichten aber heute muss bei größeren Projekten Ansehnlichkeit leider erzwungen werden, was zugegebenermaßen wiederum Aufgabe des BBM wäre. Ich hab auch vor Ort mitverfolgt, wie schwierig es war, die neue Frankfurter Altstadt Investoren nahe zu bringen. Kleinteiligkeit und Gestaltung ist halt unbequem beim Geld scheffeln aber sie habens ja dann doch irgendwie geschafft...

      Naja, die Animationen sehen natürlich aus Sicht des jetzt-Zustandes wie immer ganz nett aus, auch für mich; hoffe nur, dass es in 10 Jahren mit Schmutzfahnen unter den kanten und ein, zwei neonbeleuchteten 1€-Shops noch genau so wirkt...
      Ich befürchte ja nicht aber es hat andere Städte schon wesentlich schlimmer getroffen ;P
      und ich spreche aus Erfahrung
    • Hallo Finn, hier eine Replik zu einigen Deiner Äußerungen. Wie Du selbst neige ich dazu, in Diskussion zuzuspitzen. Das ist nicht persönlich gemeint, ich will nur zum Nachdenken anregen. ;)

      Finn schrieb:

      Bei den beiden Beiträgen würde ich mich eher Rüdiger als Nebenstelle anschließen. Ich tue mich nämlich mit historischen Rekonstruktionen - mehr oder weniger also Historismus -, mit Begriffen wie "lokale Bautradition", und mit der Gegenüberstellung von alt und neu als gut und schlecht ein bisschen schwer.

      Finn schrieb:

      Ich würde statt nach historisch und modernistisch zu unterscheiden lieber einfach die allgemeine architektonische Qualität als Maßstab gelten lassen. Wir sollten nicht alt oder modern bauen, sondern gut. "Gut" kann je nach Lage und Umgebung ganz Unterschiedliches bedeuten. In Straßenzügen mit historischer Substanz - zum Glück ja gar nicht so wenige - soll und muss man zum Beispiel mit Bedacht und Augenmaß vorgehen - vorsichtige Sanierungen und Aufstockungen, zurückhaltende und angepasste Architektur, die die Formsprache der Umgebung aufnimmt. Für meine Begriffe schließt das nicht aus, auch mal gezielt Kontraste und Reizpunkte zu schaffen - Rathaus und Bibiliothek, Schwörhaus und Synagoge, Münster und Stadthaus. Aber das funktioniert halt nur, wenn die architektonische Qualität stimmt.


      Es gibt sicherlich auch gute moderne Architektur, aber man muss sie in Deutschland leider mit der Lupe suchen - insbesondere dann, wenn es nicht um Solitäre, sondern um die Gestaltung von Stadträumen geht. Deswegen ist es leider so, dass die Gleichsetzung von modern und schlecht auf der einen Seite, und alt und gut auf der anderen in der Regel zutrifft.

      Es kann keine Rede davon sein, "auch mal gezielt Kontraste und Reizpunkte zu schaffen" - davon haben wir doch bereits viel zu viel. Stattdessen stellt sich doch eher die Frage, wo noch historische Ensemble ohne einen modernen Kontrast zu finden sind. Auf Bildern, insbesondere Luftbildern des alten Ulm sieht man, was Ensemblewirkung ist; dieser Aspekt ist beim heutigen Stadtbild doch vollkommen verlorengegangen.


      Finn schrieb:

      Klar, es ist ein Jammer, was in Ulm so alles an historischer Bausubstanz unwiederbringlich verloren gegangen ist. Es gibt mir immer einen kleinen Stich ins Herz, wenn ich zum Beispiel durch Schweizer Städte gehe und mir anschaue, wie es auch bei uns anfühlen könnte... und wenn ich in alten Stadtansichten schmökere, will ich an dem Tag manchmal gar nicht mehr in die heutige Stadt.

      Finn schrieb:

      Und doch, Rekonstruktionen, erst recht nach mehreren Jahrzehnten, finde ich gewissermaßen unehrlich. Auch der Krieg und die Nachkriegszeit bis hin zu unserer Gegenwart gehören zur Ulmer Stadtgeschichte dazu; diese Zeiten haben natürlich ebenso ein Anrecht auf einen Platz im Stadtbild wie alle anderen.
      Ja, es ist ein Jammer, und viele wissen gar nicht, wieviel tatsächlich in Ulm verlorengegangen ist. Deswegen müssen wir das Verlorengegangene, soweit es irgend möglich ist, rekonstruieren.

      Was soll an Rekonstruktionen unehrlich sein? Ist Ehrlichkeit eine Kategorie, mit der wir Architektur und Städtebau beurteilen sollten? Ist Venedig unehrlich, weil der Campanile und das Fenice Rekonstruktionen sind? Sollten wir überhaupt aufhören, Häuser zu renovieren, weil es unehrlich wäre, die Spuren der Zeit zu beseitigen? Wäre es nicht ehrlicher gewesen, wenn Ulm nach dem Zweiten Weltkrieg in Ruinen geblieben wäre, und wir dort heute noch hausen würden?

      Meine Antwort darauf lautet: Nein. Bringen wir stattdessen an jedem rekonstruierten Haus eine gut sichtbare Plakette an, die besagt, dass es sich hierbei um eine Rekonstruktion handelt. Damit ist der Ehrlichkeit Genüge getan.

      Welcher Anteil Ulms besteht denn nun aus historischer Architektur (d.h. Baujahr vor 1914, oder, bei Ausschluss der Gründerzeit, vor 1850)? Das ist doch nun wirklich minimal, von daher erübrigt sich der Hinweis, dass auch die Moderne und die Gegenwart ein Anrecht auf Repräsentation im Stadtbild hätten. Im Gegenteil, wir leben in der historisch völlig einmaligen Situation, dass unsere Städte in Deutschland im wesentlichen durch eine Epoche geprägt sind. Wie viele barocke Bauten gibt es denn beispielsweise noch in Ulm, nach der Zerstörung und dem mutwilligen Abriss von Bauten wie dem Deutschhaus? Und wie viele Fünfzigerjahre-Bauten gibt es?

      Finn schrieb:

      Andere Viertel sehe ich dagegen als tabula rasa, darunter eben auch die Gegend um die Sedelhofgasse. Brutal formuliert: da ist nichts mehr zu retten, schon lange nicht mehr. Und wenn man irgendwo wirklich komplett freie Hand hat, dann ist es völlig okay - und vielleicht schon eine Pflicht -, zeitgemäß zu bauen. Wenn halt die Qualität stimmt. "Modern" muss ja echt nicht, wie Rüdiger und panpikus meinten, gleich eine banale Materialschlacht mit Glas und Beton und weiter nicht viel bedeuten. Da gibt es so viel, was einem gute zeitgenössische Architekten zu bieten haben; panpikus hat's angedeutet...
      Ja, so kann man denken. Prinzipiell hast Du sogar recht, und mir wäre die Rekonstruktion historischer Architektur an anderer Stelle in Ulm auch wichtiger. Insbesondere das Wengenkloster östlich und der Bahnhofplatz östlich des besagten Gebietes wären aber meiner Meinung nach schon Ansatzpunkte für Rekonstruktionen.

      Blickt man zurück, so ist es doch so, dass die Moderne auch dann nicht zu guten Ergebnissen führt, wenn sie freie Hand hat und eine tabula rasa vorfindet. Die westliche Innenstadt war doch nach dem Krieg im Prinzip eine tabula rasa, oder wurde durch Abrisse dazu gemacht. Und was hat die Moderne daraus gemacht? Richtig, eine Architekturwüste, die uns solche unterirdischen Bauten wie den Bahnhof, Sport Sohn oder die spießigen Flachbauten in der Wengengasse beschert hat.

      Warum glaubst Du, dass es dieses Mal, bei den Sedelhöfen, anders sein sollte als bei den vergangen Chancen, die westliche Innenstadt wiederaufzubauen? Glaubst Du nicht, dass die Menschen in den Fünfzigerjahren ähnlich optimistisch waren, und dann ist so ein Müll rausgekommen wie die Zeilenbauten in der westlichen Neuen Straße oder der südlichen Frauenstraße? Bei den Visualisierungen der Sedelhöfe sieht man doch bereits, dass es nichts wird. Allein die mangelnde Anbindung an die restliche Innenstadt ist schon ein Grund anzunehmen, dass die Sedelhöfe funktionieren werden wie ein Fremdkörper, wie ein Blautal-Center in der Innenstadt.
    • Hallo Nebenstelle,

      ich finde du hast hier einen interessanten Debattenbeitrag geleistet, aber ich bin bei dieser Sache tendenziell eher bei Finn und möchte einige Deiner Einwürfe aufgreifen um meine Meinung zu begründen:

      Nebenstelle schrieb:


      Es gibt sicherlich auch gute moderne Architektur, aber man muss sie in Deutschland leider mit der Lupe suchen - insbesondere dann, wenn es nicht um Solitäre, sondern um die Gestaltung von Stadträumen geht. Deswegen ist es leider so, dass die Gleichsetzung von modern und schlecht auf der einen Seite, und alt und gut auf der anderen in der Regel zutrifft.

      Es kann keine Rede davon sein, "auch mal gezielt Kontraste und Reizpunkte zu schaffen" - davon haben wir doch bereits viel zu viel. Stattdessen stellt sich doch eher die Frage, wo noch historische Ensemble ohne einen modernen Kontrast zu finden sind. Auf Bildern, insbesondere Luftbildern des alten Ulm sieht man, was Ensemblewirkung ist; dieser Aspekt ist beim heutigen Stadtbild doch vollkommen verlorengegangen.


      Da ist sicherlich etwas wahres dran. Es gibt diesen Spruch: "Die moderne bildende Kunst ist von einzigartiger Qualität; keinem ihrer Vertreter ist je ein missratenes Werk unterlaufen." also ungefähr: "wenn du dieses Werk hässlich findest, dann fehlt Dir einfach nur der intellektuelle Zugang dazu" ;) Ich denke, daß die niedrige Qualität vieler moderner Bauten vor allem daher kommt, daß auf Qualität wegen der Wirtschaftlichkeit wenig Wert gelegt wird, aber auch, weil es tendenziell weniger fähige Leute zu geben scheint, die gute moderne Architektur erstellen können. Das würde sich auch mit Deiner Beobachtung mit den Solitären decken, denn es ist natürlich noch einmal deutlich schwieriger gute Architektur zu erstellen, wenn man auf das Umfeld Acht geben muß. Und da wird dann der "gewollte Kontrast, der provozieren und zum Nachdenken anregen soll...blabla" gerne als faule Ausrede gebraucht. Auch gibt es wie z.B. bei moderner klassischer Musik aufgrund von Ideenlosigkeit einen Hang zu dadaistischem Geblubber, um wenigstens noch etwas originelles hervorzubringen. Hallo, wir sind die jungen Wilden und wir haben hier noch ganz verrückt ein Vogelnest aus Stahlträgern in den Dachstuhl eingebaut. Klar braucht man auch mal so etwas, aber wie du schon sagst, sollte es sich in Grenzen halten, damit es interessant bleibt.

      So, und jetzt kommt mein Widerspruch: Ich würde trotz dieser Entwicklung die moderne Architektur nicht grundsätzlich ablehnen, bloß weil der größere Teil ihrer Vertreter keine hervorragende Arbeit leistet. Finn hat mMn Recht damit, grundsätzlich die Qualität zum Maßstab zu machen. Und wenn Du am heutigen Ulm die vergleichsweise schlechtere Ensemblewirkung kritisierst, dann ist das sicherlich nicht falsch, hat aber wohl in erster Linie auch mit der Qualität der geleisteten Arbeit zu tun. (Und mal ganz im Ernst: Im Vergleich zu anderen Städten liegen wir in Ulm finde ich auf recht hohem Niveau)

      Ja, es ist ein Jammer, und viele wissen gar nicht, wieviel tatsächlich in Ulm verlorengegangen ist. Deswegen müssen wir das Verlorengegangene, soweit es irgend möglich ist, rekonstruieren.

      Was soll an Rekonstruktionen unehrlich sein? Ist Ehrlichkeit eine Kategorie, mit der wir Architektur und Städtebau beurteilen sollten? Ist Venedig unehrlich, weil der Campanile und das Fenice Rekonstruktionen sind? Sollten wir überhaupt aufhören, Häuser zu renovieren, weil es unehrlich wäre, die Spuren der Zeit zu beseitigen? Wäre es nicht ehrlicher gewesen, wenn Ulm nach dem Zweiten Weltkrieg in Ruinen geblieben wäre, und wir dort heute noch hausen würden?

      Meine Antwort darauf lautet: Nein. Bringen wir stattdessen an jedem rekonstruierten Haus eine gut sichtbare Plakette an, die besagt, dass es sich hierbei um eine Rekonstruktion handelt. Damit ist der Ehrlichkeit Genüge getan.


      Ich bin nicht grundsätzlich gegen Rekonstruktionen, aber einfach alles wieder so aufzubauen wie es einmal war ist mir irgendwie auch zu reaktionär. Wenn ich ein Gebäude erstelle, dann soll es ja in erster Linie mal eine Funktion erfüllen. Und wenn die primäre Funktion jetzt nur die ist, Ulm wieder so aussehen zu lassen wie früher, dann wird doch auch keiner glücklich. Anforderungen ändern sich, und eine 1:1-Rekonstruktion wird dieser Tatsache fast nie gerecht und ist deswegen meißtens auch Liebhaberei. Ist ja auch schön und haben wir ja auch in Ulm, aber bitte auch nicht zu viel. Ich verstehe das Argument mit der Unehrlichkeit schon. Es geht für mich sogar in Richtung Kitsch, wenn so etwas im größeren Stil gemacht würde. Hat was von Disney World. Wenn man sich hingegen das eine oder andere Nachkriegs-Gebäude im Fischerviertel anschaut, dann ist das mMn für die unauffällige Masse der Bauten der richtige Weg: Man sieht, daß es aus den 80ern ist, aber es passt trotzdem zur historischen Umgebung und fällt überhaupt nicht negativ auf. Und bei den auffälligen Gebäuden ist das für mich beste Beispiel die neue Stadtbibliothek. Ja, ich weiß, daß sieht nicht jeder so, aber für mich passt das Gebäude einfach hervorragend und ist eine Bereicherung für Ulm. (Böhm ist für mich auch einer der modernen Architekten, die es können.) Natürlich darf es von dieser Sorte nicht zu viel geben, aber so wie es jetzt ist...

      Blickt man zurück, so ist es doch so, dass die Moderne auch dann nicht zu guten Ergebnissen führt, wenn sie freie Hand hat und eine tabula rasa vorfindet. Die westliche Innenstadt war doch nach dem Krieg im Prinzip eine tabula rasa, oder wurde durch Abrisse dazu gemacht. Und was hat die Moderne daraus gemacht? Richtig, eine Architekturwüste, die uns solche unterirdischen Bauten wie den Bahnhof, Sport Sohn oder die spießigen Flachbauten in der Wengengasse beschert hat.

      Warum glaubst Du, dass es dieses Mal, bei den Sedelhöfen, anders sein sollte als bei den vergangen Chancen, die westliche Innenstadt wiederaufzubauen? Glaubst Du nicht, dass die Menschen in den Fünfzigerjahren ähnlich optimistisch waren, und dann ist so ein Müll rausgekommen wie die Zeilenbauten in der westlichen Neuen Straße oder der südlichen Frauenstraße? Bei den Visualisierungen der Sedelhöfe sieht man doch bereits, dass es nichts wird. Allein die mangelnde Anbindung an die restliche Innenstadt ist schon ein Grund anzunehmen, dass die Sedelhöfe funktionieren werden wie ein Fremdkörper, wie ein Blautal-Center in der Innenstadt.


      Hier muß ich jetzt deutlich widersprechen. Und zwar nicht, weil ich der Meinung bin, daß in dieser Ecke von Ulm irgendetwas erhaltenswert (gewesen) wäre, oder weil mir der Entwurf für die Sedelhöfe gefällt, sondern weil ich finde, daß Du hier der Moderne Unrecht tust. Zum einen hatten wir hier viele Bauten, die mehr oder weniger direkt nach dem Krieg entstanden waren (Sedelhofgasse z.B. oder die von Dir kritisierten Flachbauten). Und die mußten vor allem billig sein und schnell ihre Funktion erfüllen. Auch beim Neubau des Bahnhofs-Empfangsgebäudes war hochwertige Architektur wohl nicht die oberste Priorität. Ja, ich weiß wie das Ding vor der Zerstörung ausgesehen hat mit den Säulen, und es ist auch wirklich schade. Das ist einfach nur Schrott, aber nicht, weil es modern ist. Es gibt auch Beispiele für gelungene Bauten aus den 50ern, aber die sind leider aufgrund der Umstände eher selten. Ich finde zum Beispiel die Bahnsteighalle des Hbf in München ganz toll. Sehr schlicht gehalten, aber hell und wie die Oberleitungen untergebracht sind ohne störende Masten.

      Sport Sohn darfst Du auf keinen Fall als Negativbeispiel bringen, denn das ist keine Moderne Architektur, das ist gar keine Architektur. Da hat sich die Stadt halt über den Tisch ziehen lassen. Das hätte nie passieren dürfen. Und das Blautal-Center ist wie ich finde nur von außen hässlich. Und leider hat es von den Mietern her nie richtig funktioniert.

      Ich bin nicht begeistert von den Sedelhöfen, aber es ist besser als das, was dort vorher stand. Kann sein, daß wir es in 30 Jahren wieder scheußlich finden. Tja...

      Melo
    • Guten Abend, :)

      @ Finn, Nebenstelle, Melo,
      Gerne möchte ich in die Architektur Diskussion einsteigen, ich glaube da es aber ja nicht nur um die Sedelhöfe sondern um so vieles mehr geht sollten wir das im Architekturthread tun, der liegt unter der Rubrik Neues seit ewigen Zeiten brach. Das wäre doch etwas besser. ;)
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    • So meine Gedanken zu den letzten Beiträgen von Finn, Nebenstelle, Melo,

      Frage was ist Modern und gut, das weis ich nicht. Es ist aber doch seit einigen Jahren enorm was immer über die momentane Architektur gejammert wird. ( Früher war alles besser. ) Eine Stadt unterliegt stetigem Wandel, jede Zeit hat sein Gutes und schlechtes. Nur wurde bei uns sehr viel im Krieg zerstört was eben nicht mehr alles nachgebaut werden kann und auch nicht sein muss.
      Ulm hat aber trotz allem einen Schönen Bestand an Altem- Historischen und auch sehr schönem. Nenne jetzt einfach nur Fischerviertel Kreuz und die Gassen Nördlich des Münsters. Desweiteren haben wir einen sehr schönen Bestand an wunderbaren Gebäuden in der Zinglerstraße, Olgastraße, Heimstraße, Friedensstraße und Olgasraße. Auch haben wir ein Wunderschön gerichtetes Altes Hauptgebäude des Magirus- Motorenwerkes und noch so einiges andere, kann ja jetzt nicht alles nennen. Auch haben wir in Ulm eine wunderschöne Georgskirche, Wengenkirche Pauluskirche, Martin-Lutherkirche und in Söflingen die Christuskirche. Ebenfalls haben wir einen Justiz-Palast sowie tolle Grabenhäuser und einen schönen Alten Friedhof.

      Aber wirklich nicht zu vergessen wir haben in Ulm die Bundesfestung, in die sehr viele Ulmer aber auch andere Bürger der Region sehr viel Liebe, Kraft und Geld Investiert haben.

      Was ich damit sagen will,
      Wir sollten jetzt nicht immer oder nur jammer das wir in einer Zeit leben wo keine Architektonischen Besonderheiten aus dem Boden wachsen, sondern uns auch an dem erfreuen was wir noch haben, oder was nach der Zerstörung wieder gerichtet und ersetzt wurde.
      Auch sollten wir jetzt wirklich nicht so tun als ob wir es versäumt oder unterlassen hätten in Ulm die zerstörten Gebäude wieder zu erstellen. Das glaube ich ist falsch.
      Es ist aber auch richtig wie schon mehrmals angedeutet in der eigentlichen City, oder innerhalb des Altstadtringes wurde in den vergangenen 50 Jahren sehr viel Mist gebaut. Dieses rührt aber auch daher das die ersten Jahre nach dem Krieg sehr viel einfach für den Zweck oder Gebrauch gebaut werden musste. Damals fragte man sich sicher nicht ob es Architektonisch so oder so sein sollte. Es wurde einfach nach Bedarf gebaut.
      Jetzt haben wir aber eine Zeit die mir überhaupt nicht gefällt. Es gibt kein Auge mehr für das schöne. Dieses liegt aber auch an den Gesetzen der EU.
      Es muss Heute alles was größer wie ein Fertighaus oder eine Doppelgarage ist Europaweit zelebriert werden. Tausend Vorschriften, Klimaschutz und Energetik, dann das Geld und der Bedarf, nach der Schönheit des Details fragt keiner mehr. Große Architekturbüros in Europa bestimmen nach diesen Bedingungen das gesamte. Was kommt nun dabei heraus das alles was wir bauen in jeder Ecke stehen könnte und nichts mehr zur Region passt.

      Ich hoffe jetzt einfach das die Sedelhöfe uns einmal etwas besseres geben und wir nicht zu sehr enttäuscht werden. So schlecht ist die Architektur des Büros Grüntuch-Ernst nun wirklich nicht, da ist doch schon einiges Gute dabei.

      Bilder Grüntuch-Ernst aus Google.
      google.de/search?q=gr%C3%BCntu…0CEoQsAQ&biw=1202&bih=938

      Zum Schluss noch,
      Wirklich gelungenes haben wir in vergangenen 20 Jahren nicht erlebt. Einfallen würde mir da jetzt nur das ehemalige Stadtbad jetzt Jugend-Musikhaus von Innen, die Dreifaltigkeitskirche von Innen, die Erweiterung der Volksbank, das Theater, der Gindelebau, das JAM von Innen, das Stadtregal und das wars dann wohl.
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    • Diese Diskussion ist wohl der Klassiker in allen www-Foren, die sich mit Architektur und Städtebau beschäftigen. :)

      Die wesentlichen Standpunkte zum zeitgenössischen Bauen wurden bereits vertreten.
      Auch über die Gründe für die aktuelle Situation haben wir schon des öfteren debattiert.

      Ich kann nur kurz noch meine Meinung hinzufügen:
      • ja, es mangelt in der derzeitigen Baukultur an Qualität, und zwar nicht nur ein bisschen
      • beide Standpunkte, pro und kontra Rekonstruktionen, haben ihre Berechtigung, auch die zuständige Politik sollte hier möglichst undogmatisch sein, es sollte m.M.n. im Einzelfall entschieden werden, ohne allgemeingültige Doktrin (wie es sie leider zu vielen politischen Themen gibt)
      • ich glaube, keine bauliche Epoche hat auf die vorangegangenen sehr viel Rücksicht genommen - da leben wir in keiner besonderen Zeit
      • Deutschland ist in Hinsicht auf seine Baugeschichte im Ländervergleich ein Sonderfall! Wie jedes Land bei jedem Thema ... ;)

        Man sollte diese Situation geschickt nutzen: z.B. empfinde ich Paris als wunderschöne, unvergleichliche Stadt, und darüber herrscht glaube ich weltweit Konsens. Sogar die Amis geben zu, dass little old Europe hier kulturgeschichtlich soviel zu bieten hat wie kein anderer Ort der Welt.
        Dennoch erscheint mir Berlin vielfältiger, weltläufiger, interessanter (nicht schöner!) - man spürt, dass dort viel passiert ist und auch im Moment viel passiert. Will sagen, es ist nicht alles schlecht, obwohl die Ursachen für den Ist-Zustand oft schlecht waren.
      Ulm ist Provinz.
    • Stimmung in der Bude :D.

      Richtig, ich fische oft nach und hoffe oft auf Diskussionen. Der sachliche Austausch und die gegenseitige Information steht uns gut als Kerngeschäft, und da erkläre ich mal Bob zum MVP des Forums (neben den alten Kämpen Thorsten, Reinhold, Aquarium; Bob wollte lange schon mal extra würdigen). Aber ich freue mich jedes Mal wieder, einen neuen Post hier zu sehen, egal von wem - soviel Qualität läuft hier rum ;). Ich gebe es gerne zu: Ich bin kompletter Laie, und ich lese mir zwar Dinge an, aber lieber noch werde ich hier zum Nachdenken gebracht. Wenn ich dann ein bisschen sticheln muss, um das rauszuholen: dann mache ich das gerne. Läuft :).

      Kontraste und Reizpunkte
      Ich wusste, dass dieser völlig berechtigte Einwand kommen würde, aber der Diskussion halber habe ich auf eine konkrete Einschränkung verzichtet. Ja, in Ulm steht viel alt neben neu und neu neben alt, und ja, Melo hat (finde ich) völlig Recht, wenn er meint, dass sich viele Architekten in solchen Situation in billiges Geblubber flüchten - bietet sich halt an. Die generelle Idee finde ich aber trotzdem nicht verkehrt. Ich mag Melos Beispiel mit den Fischerviertel; wenn wir weggehen von Architektur als Statement zum Bauen als Zweck (Wohnen, Arbeiten, Einkaufen), dann sehen wir hier doch durchaus ein paar ordentliche Beispiele, wie man behutsam mit seiner Altstadt umgehen kann, ohne sich an sie ketten zu müssen.

      Daher warte ich auch ziemlich sehnsüchtig darauf, dass die ersten Gebäude am nördlichen und westlichen Ende des Münsterplatzes fallen. Klar ist, dass da hohe Anforderungen herrschen und dass eine Neubebauung hier verdammt viel richtig machen muss. Klar, die Chancen sind nicht sonderlich groß, dass ein Volltreffer gelandet wird - aber das Risiko muss man eingehen. Und falls es doch klappt, dann wäre das fantastisch.

      Ensemblewirkung
      Die Ensembletheorie, so es sie gibt, übersteigt meinen Horizont als Amateur. Allerdings würde ich gerne anbringen, dass Ensemble vermutlich erst im Auge des Betrachters zu solchen werden - wir projizieren ja gerne zurück und sehen in Gebäudegruppen auch mal beabsichtigt angelegte Ensemble, die als solche in ihrer Entstehungszeit, die sich teils über Jahrzehnte gespannt haben kann und zufällig verlief, vielleicht gar nicht angelegt waren. Was ich damit meine: Ensemble in Städten werden eher im Laufe der Jahrzehnte und durch ihre Alltagsnutzung zu solchen, und nicht unbedingt durch eine koordinierte Anlage.

      Ehrlichkeit als architektonische Kategorie
      WIeder schwierig, wieder jenseits meines Horizontes (was mich natürlich nicht davon abhält, es trotzdem einfach mal zu behaupten :D). Klar ist, wenn wir Ehrlichkeit als Komponente einbringen, dann reden wir schnell auch über Ethik und Moral, und da kommt man eh zu keinem Ende. Aber Venedig finde ich ein interessantes Beispiel, denn für mich ist Venedig eine Touristenstadt mit viel Staffage und viel Fassade. Sicherlich ist das wiederaufgebaute Fenice visuell ansprechend und es bewahrt die Integrität des Stadtbilds, aber es bleibt halt immer noch eine Vorspiegelung. Ich glaube, dass der Wiederaufbau in der Fachwelt auch durchaus umstritten war.

      Nachkriegszeit im Ulmer Stadtbild
      Erneut mit einem Grinsen im Gesicht gepostet. Yes, im Gebäudebestand der Innenstadt sind Bauten seit den 1950er Jahren gewissermaßen stark überrepräsentiert. Aber Reinhold zählt ja eine durchaus stattliche Liste an Straßenzügen auf, die wir noch haben; Ulm ist in dieser Hinsicht nicht Pforzheim und auch nicht Heilbronn, Gott sei Dank. Dass wir wenig Tolles aus den 1950ern haben (und das ehem. Jung-Gebäude in der Neuen Straße wollen sie auch abreißen :(), sehe ich aber wie Reinhold eher schnöde darin, dass es finanziell nicht anders ging. Da hatte man andere Sorgen. Und trotzdem ist Ulm insgesamt nicht sooo schlecht aufgestellt, da war ich schon in ganz anderen Städten unterwegs, in denen ich im Kopf die Fluchtrouten zum Bahnhof durchgespielt habe...

      Sedelhöfe
      Meine kleine Verteidigung der Moderne war gar nicht mal so sehr auf die Sedelhöfe gemünzt, mit denen ich nicht so sonderlich glücklich bin. Eine gewisse Qualität werden sie architektonisch schon haben, aber ein Einkaufscenter plus Wohnen und allerlei, verkleidet als Stadtviertel (wie es von der Verwaltung und der Stadtspitze propagiert wird), finde ich sogar unehrlicher (;)) als ein reguläres Einkaufscenter. Da weiß man wenigstens, was man vor sich hat. Ein Stadtviertel, das dann aber einem Investor gehört und stets weiterveräußert werden kann? Bah. Kokolores. Aber ja, stimmt auf jeden Fall: die Geschichte gibt mir und meiner Ansicht nicht unbedingt Recht. Ob man deswegen am Grundprinzip rütteln soll, kann ich nicht beurteilen.

      Im Übrigen mache ich mir fast noch mehr Sorgen um das Theaterviertel, das - bis auf das Theater aus den 1960ern vom honorigen Fritz Schäfer - null historische Referenzpunkte hat. Die tabula rasa stelle ich mir städtebaulich sogar schon bedrohlich vor, denn das ist ein tatsächliches Stadtviertel und in den ersten beispielhaften Planskizzen sah das schmerzhaft beliebig aus... MIttleweile wünsche ich mir eigentlich, dass die Sheddachhalle (Posthalle?) stehen bleiben kann - aber sie steht wohl der Fahrradachse Zeitblomstraße im Weg...

      Blautalcenter
      Äußerlich kaum groß etwas zu ändern. Vorne eine ewig lange schmucklose Fassade, hinten der schäbige Andienungsbereich vis à vis des Stadtregals, einer renaturierten Blau und eines zukünftigen Viertels auf dem Magirus-Areal. Drinnen läuft's aber gar nicht mal so schlecht, die letzten paar Male war das Teil gerammelt voll, auf den Parkdecks Autos von überall... mal schauen, ob Moco und Magirus das Center vielleicht in ein paar Jahren noch ein bisschen weiter revitalisieren können. Ich wünsche denen nichts Böses, und als so eine Art Nebeninnenstadt der Weststadt kann man das Center schon gebrauchen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Finn ()

    • hab leider nicht so viel Zeit um hier angemessen mitzudiskutieren.

      Zum Thema der Rekonstruktionen will ich nur auf die sehr gelungenen Beispiele in Polen verweisen, wie die Altstadt in Breslau, das Warschauer Schloss und die dortige Altstadt und vor allem den Marktplatz in Danzig. Heutzutage wurde kein Mensch hierbei Unehrlichkeit vorwerfen, sondern vielmehr Respekt gegenüber dem Alten und Zerstörten
    • Ich verpacke es mal als Spoiler weil's ja nicht direkt zum Thread gehört:

      Spoiler anzeigen
      Es gibt einige Ecken, da macht es Spaß durch Ulm zu schlendern und auch Ulm neu zu entdecken. Spontan denke ich dabei an Rabengasse/Kohlgasse. Ich weiß noch wie es dort vor ca. 15 Jahren ausgesehen hat. Nicht genutzte Häuser, optisch am vergammeln und innendrin vermutlich nicht viel besser. Zu den Kindheitserinnerungen, welche dann aber noch vor meinem Wegzug sich schon gewandelt haben: Die Ulmer Münz.

      Da kann ich mich noch dran erinnern in den ersten Jahren auf der Realschule noch ins Innere durch einen riesigen Spalt in der alten Türe hinein geschaut zu haben - ohne etwas sehen zu können. :D

      Bahnhof Neu-Ulm: Wie oft bin ich dort früher vorbeigefahren? Der Kaugummiautomat am Fragment einer alten Mauer - welcher sogar zunächst den Abriss vom Bahnhof überstanden hat - und inzwischen stehen dort jetzt schon große Teile eines Rohbaus.

      Was mir aber missfällt: Irgendwie scheint die Invasion der Borg aus Star Trek eingetreten zu sein: Würfel hier, Würfel dort. Und wenn es kein Würfel ist, dann doch ein flach bedachter Quader. Der Neubau vom Sport Sohn gehört für mich noch immer in die Schublade mit der Aufschrift »pures Unverständnis«. Er kommt jetzt ja gerade gut durch den Abriss am Ulmer Hauptbahnhof auch von der Rückseite zur Geltung (Bild vom 25. November 2013):



      Nichts gegen die sogenannte moderne Architektur, aber es sollte doch irgendwie zu Ulm passen. Momentan nehme ich nur diese Würfel wahr. Auch die Neue Ulmer Mitte mag mir noch immer nicht so recht gefallen.

      Oder am Theater (welches ich als Gebäude ja nicht anders kenne)... Muss man dann aber wirklich einen Klotz hinstellen, welcher auch aus einem einfachen LEGO-Sortiment gebaut sein könnte?



      Ganz gemein: Will ich mir dann anschauen wie es auf dem ehemaligen Weiss-Gelände aussehen könnte, lande ich bei Realgrund. Und dort dann wiederum bei einem Bauprojekt in Berlin:

      -> realgrund.de/objekte/wohnen/wo…t-stralau-berlin.html#574

      *schauder*

      Sedanstraße 55... Immerhin kein völliger Klotz sondern mit Glasflächen beim Treppenhaus etwas aufgelockert.

      Was mir irgendwie fehlt ist eine Bebauung, welche Ulm nicht in Würfel, sondern auch mit Giebeldächern, verspielten Fassaden, etc. bereichert.

      Wenn ich jemals eine Straße mit 10 Reihenhäusern gestalten dürfte: Innen gleicher Grundriss, aber außen jedes Haus anders. Variable Fenstergröße, unterschiedliche Treppenaufgänge zum Hochpaterre (was mir sehr wichtig wäre!), unterschiedliche Haustüren. Einfach eine lebendige Häuserfront. Auch wenn sie über 10 Häuser hinweg geht.

      Vielleicht ein kleiner Hauch von Wasserburg am Inn:



      Bunt. Lebendig.

      Und nicht so wie bei denen hier:

      de.memory-alpha.org/wiki/Borg-Kubus

      ;)
    • Dann antworte ich mal der Einfachheit halber hier, einer der fleißigen Mods wird das Gespräch schon in den allgemeinen Diskussionsthread verschieben :). Geht en bloc sicher einfacher.

      Gegen einen richtigen Borg-Kubus, so schön bedrohlich und futuristisch, hätte ich gar nicht mal was. Brutal fremdartig und schweinisch frech :D. Einem hässlichen Kasten wie dem Sport Sohn erweist man zuviel der Ehre, wenn man ihn so nennt. Wobei ich immer noch finde, dass das zu retten ist. Nach Norden (Grenzbebauung Sedelhöfe), Westen (dito, eventuell mit höherem Neubau Bahnhofstraße 18 ) und Osten (schmaler Verbindungsweg) kann man die blanke Fassade verschwinden lassen oder ignorieren, und nach Süden ließe sich die Stirnseite zur Bahnhofstraße durch eine großzügige Fensterfassade austauschen. Auch nicht richtig ulmerisch, aber wenigstens gut geflickt.

      Danke für die kleinen Bildbeispiele aus Wasserburg. Für mich auch ein schöner Beleg dafür, dass man größere Abschnitte entlang einer Straße (oder: ganze Straßenzüge, siehe Sedelhöfe...) möglichst nicht an nur einen Investor verhökern sollte, wenn man sich ein lebendiges Straßenbild bewahren will.
    • Finn schrieb:

      [...] Für mich auch ein schöner Beleg dafür, dass man größere Abschnitte entlang einer Straße (oder: ganze Straßenzüge, siehe Sedelhöfe...) möglichst nicht an nur einen Investor verhökern sollte, wenn man sich ein lebendiges Straßenbild bewahren will.


      Das ist für mich wohl weniger die Ursache. Ich kenne mich zu wenig damit aus, aber als meine Eltern Ende der 1980er Jahre in Neu-Ulm gebaut haben wurde explizit vorgeschrieben, welche Büsche vorne und auch hinter dem Haus gepflanzt werden dürfen. Damit auch alles schön einheitlich aussieht.

      Macht sicherlich auch in einem gewissen Rahmen Sinn - aber es wird auch elendig langweilig.

      Hinzu kommt der wohl aus wirtschaftlicher Sicht sinnvolle Einsatz von ebenerdigem Parterre (wie es die wörtwörtliche Übersetzung von Parterre ja nahelegt). Den kann ich aus mehreren Gründen nicht ab: Ich will nicht, das mir immer alle ins Schlafzimmer gucken können. Denn ich will die Fenster auch nicht mit Milchglasfolie bekleben oder immer die Rolläden runterlassen zu müssen.

      So hatte ich bereits etwa 1,5 Jahre in einer ehemaligen Mühle in Weingarten (RV) imi EG gewohnt - mit Milchglasfolie an dem großen Fenster.

      Beim Hochparterre kann man den mehr oder weniger attraktiven Ausblick aus dem Fenster noch genießen und fühlt sich nicht immer wie in einem Krankenwagen (oder Badezimmer mit überdimensioniertem Fenster).

      Geht vermutlich nicht nur mir so. Dann wünscht man sich - trotz täglichem Treppensteigen - doch wieder eine Wohnung im 1. oder 2. Stock. Oder wenigstens ein Zimmer mit Fenster zum für Fußgänger uneinsichtigen Garten.

      Aber was wird gebaut? Sowas hier:

      blank.at/linkglacis_terrassenlink.html

      *schauder*

      Man könnte ja noch die »schöne« Betonwand ein wenig höher ziehen, 'nen halbrunden Aufsatz draufpacken und das Ganze dann als »modernes Wohnen mit Hinterlandmauer« anpreisen?

      Aber vielleicht bin ich einfach nur zu eigensinnig und erkenne nicht den Nutzen am Hochparterre.

      Vielleicht ein paar Highlights meiner Behausungen. Berufsbedingt hatte ich einige Umzüge und so in diversen Häusern, Wohnungen und auch mal einen Monat lang in meinem VW Bus gewohnt.

      * Ulm, Schillerstraße -> Gebäude aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Noch mit Brandspuren (mutmaßlich von der Nacht des 17.12.1944) im originalen Holzboden im 3. Stock (unter dem Dachstuhl).
      * Neu-Ulm -> Neubau 1989
      * Hechingen -> 1960er Jahre Kettenhausblock. 1. Zi WHG, 3. Stock Richtung NW. Sonne: Frühmorgens ein Streifen von 5 cm an der Wand. Das war's dann auch schon.
      * Hechingen -> 1 Monat im Sommer im VW Bus. Sonne: Zuviel des Guten. :D
      * Weingarten (RV) -> 3. Stock eines ehemaligen Gebäudes der frz. Streitkräfte. Umgebaut in ein Studentenwohheim mit kleinen Wohneinheiten zwischen 3-6 Bewohner. Daher 5er WG. Netter Balkon, leider für den gesamten Stock -> also konnte einem jeder ins Zimmer schauen... 8|
      * Schweiz -> alter Bauernhof von 18xx -> fachgerecht umgebaut vom Nachfahre des ursprünglichen Erbauers (selbst in der Innenraumbranche tätig). Sehr, sehr schönes Wohnen mit separatem Eingang ins Zimmer.
      * Weingarten (RV) -> Ehemalige Mühle, nach Brand um ca. 1910 neu erbaut. Der Mühlbach wurde unter dem Haus durchgeleitet - unter meinem Zimmer. Also im Sommer schön kühl - im Winter leider auch.
      * Oberbayern -> Schloss mit unbestimmten Alter der Bausubstanz. Zuletzt umgestaltet Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem 2. WK unter anderem von Flüchtlingen als Unterkunft genutzt, danach Umbau zum Hotel und spätere Nutzung als Schullandheim. Außen sicherlich beeindruckend, innen leider bedingt durch die Zeit ab 1945 primär der kühle Charme von Trockenbau...

      Gerade der Kontrast zwischen den rund 100 Jahre alten (oder noch älteren) Gebäuden mit den aktuellen Neubauten -> dann doch lieber alt. Hat mehr Charakter und die abgegriffenen Handläufe und »rundgetretenen« Holztreppenstufen erzählen von der intensiven Nutzung vergangener Jahre.

      jm2c - leider etwas länger geworden.

      Grüße, Martin