Altstadt 2.0 / Spitzgiebel 2.0

  • Es gibt auch schöne Spitzgiebelhäuser in Ulm, keine Frage, aber ich finde es nimmt überhand und die Gebäude ähneln sich oft sehr. Gestalterisch könnte man da mehr machen. Sie wirken auch sehr steril.

    Da gehe ich d'accord.


    Das Problem ist aber mMn nicht der Spitzgiebel an sich sondern, dass (fast?) alle der hier gezeigten modernen Spitzgiebel-Häuser eigentlich normale Bauhaus/postmoderne reduzierte Baustile sind, denen man halt ein Spitzgiebel draufsetzte. Der postmoderne Bau traut sich da zu wenig. Sei es, die verpönten alten Formen aufzugreifen oder auch nur in der Wahl der Farben (egal ob Zentrumsneubau oder vorstädtisch). Letzteres ähnelt der verminderten Farbvielfalt den PKWs: "Alles dabei" von Grau-Silber bis Anthrazit :)


    Generelles Lob an diesen Thread: Ich wohne in einer EFH-Sidelung am Stadt-Rand (ca. 20 Jahre ist die alt) und unter den 30++ EFH aus dieser Zeit steht eines dass mich vom ersten Tag an begeistert - und ich konnte nie sagen wieso. Es ist der Spitzgiebel! :D

  • ([F]ast?) alle der hier gezeigten modernen Spitzgiebel-Häuser [sind] eigentlich normale Bauhaus/postmoderne reduzierte Baustile, denen man halt ein Spitzgiebel draufsetzte.

    Der postmoderne Bau traut sich da zu wenig. Sei es, die verpönten alten Formen aufzugreifen oder auch nur in der Wahl der Farben (egal ob Zentrumsneubau oder vorstädtisch).

    Kleine Spitzfindigkeit für weniger Architekturinteressierte, aber ich würde die Moderne und Postmoderne ungern so vermischen. Es gab immer wieder Gegenströmungen zur Moderne, eben u.a. die Postmoderne, die versucht hat, z.B. mehr Kleinteiligkeit wieder in die Architktur zu bringen, oder ein ganz typisches Element der Postmoderne: sich zahlreicher traditioneller Formen bedient.

    In Ulm wird sich zwar der Form des steilen Giebeldachs bedient, aber praktisch als ausschließliches Element einer sonst sehr einheitlich modernistischen Bauweise. Wie Du ja im Prinzip genau so ausführtest.

    Solange also die Moderne weiterhin der durchgesetzte Architekturstil ist, wird sich an der vergleichsweise ,,glatten" Gestaltung auch mit Spitzgiebel wenig ändern. Der Erfolg dieser Dächer könnte jedoch zu einer weitergehenden Entwicklung führen. In anderen Regionen Deutschlands wird auch weiter mit anderen Stilelementen experimentiert, um den Gestaltungsschatz endlich wieder zu erweitern.

  • Frauenstraße / Bockgasse


    (Architekt?/Architektenbüro?)


    Dazu eine kleine „zauberhafte Geschichte“ eines „modernen Indiana Jones“:


    https://m.augsburger-allgemein…ernisiert-id61323866.html

    Zitat

    Wo in Ulm historische Gebäude saniert werden, steht oft Max Stemshorn für die Pläne gerade: Der Architekt hat sich in Ulm mit seinem Gefühl für alte Gebäude einen Namen gemacht.

    Zitat

    Als Jugendlicher sei Max Stemshorn viel in Ulm herumgestreift, erzählt er - besonders im in den späten 70er- Jahren noch heruntergekommenen Viertel östlich der Frauenstraße, wo seine Patentante wohnte. Und immer wieder schaute er über einen Hinterhof interessiert auf die merkwürdig chorraumartige Gestaltung im Osten des Eckhauses Frauenstraße/Bockgasse. "Ich wollte schon als 13-Jähriger wissen, was dahintersteckt", berichtet der 57-Jährige. Dass ihm just die Sanierung dieses Gebäudes 40 Jahre später zufallen würde, dass sie die wohl komplizierteste Aufgabe seiner bisherigen beruflichen Laufbahn werden würde, dass er am Gebäude leiden und dass ihn diese Arbeit nachhaltig prägen würde, konnte der Jugendliche damals nicht ahnen: Stemshorn fand beim Umbau des Wohnhauses, das bis 1994 das Dreikönigscafé beherbergt hatte und wo auch heute im Erdgeschoss Gastronomie angesiedelt ist, nicht nur weite Teile der um 1800 säkularisierten Dreikönigskirche, er entdeckte in ihr auch eine bis dahin unbekannte romanische Kapelle, in deren Substanz die Patrizierfamilie Krafft in der Mitte des 14. Jahrhunderts beim Bau der Dreikönigskirche stark eingegriffen hatte.


    Die Krypta, Grablege der Patrizierfamilie, hatte im romanischen Bau nicht bestanden, staufisches Steinmaterial aus einer Apsis dieses wohl ältesten in Teilen noch bestehenden Gebäudes Ulms wurde während der Maßnahmen in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts recycelt. "Es ist ein toller Prozess, wenn man so etwas zu verstehen beginnt", erzählt Stemshorn. Natürlich braucht es dazu Hilfsmittel wie ein 3-D-Modell.


    "Es fühlte sich unglaublich an, diesen Schatz zu entdecken", erinnert sich Max Stemshorn an die Jahre 2012/13. Sein Rat an Menschen, die sich als Investoren an die Sanierung eines historischen Gebäudes heranwagen: "Man muss dem Haus zuhören. Was es für eine Geschichte erzählt. Man muss demütig zuhören." Das brauche Zeit, könne aber auch viele Kosten sparen helfen - zum Beispiel, wenn man die Statik und die alte Struktur eines Hauses verstanden hat. Denn jedes Haus habe seine Gesetzmäßigkeiten. "In der Hektik erspürt man das nicht." Manchmal, erzählt Stemshorn, stoße man auf merkwürdige Dinge, so geschehen bei der Sanierung von Schloss Gamerschwang bei Ehingen, das auf dem Ort einer bereits im 12. Jahrhundert erwähnten Burg steht. Die Kapelle des Schlosses wurde in der feuchten und düsteren Nordwestecke errichtet, was bei der Sanierung Probleme bereitete und ungewöhnlich ist. "Ich glaube wirklich nicht an Geister", sagt der Architekt mit Nachdruck, aber er habe selbst an dieser Stelle das Gefühl eines unguten Ortes gehabt. Und dann begriffen: Man hatte das sakrale Gebäude als Abwehr gegen böse Geister in diese dunkle Ecke gebaut.